Hydrotherapie
Wasser als Heilmittel – richtig angewendet
Hydrotherapie ist die gezielte Anwendung von Wasser zur Vorbeugung und Behandlung von Beschwerden – über Temperaturreize (kalt, warm, wechselwarm), Druck und Auftrieb. Die bekannteste Form ist die Kneippsche Hydrotherapie mit Güssen, Wickeln, Waschungen und Bädern. Regelmäßig angewendet, trainiert sie Gefäße, Kreislauf und Immunsystem.
So wirkt die Hydrotherapie
Der Wirkstoff der Hydrotherapie ist nicht das Wasser selbst, sondern der Reiz, den es setzt. Ein kalter Guss löst eine messbare Reaktion aus: Die Blutgefäße der Haut verengen sich und weiten sich anschließend wieder – ein Training für die Gefäßregulation, ähnlich wie Muskeltraining für die Muskulatur. Wiederholt man solche Reize regelmäßig, passt sich der Körper an: Kreislauf und Wärmeregulation arbeiten ökonomischer, die Stressreaktion wird gedämpft, viele Anwender berichten über besseren Schlaf und weniger Infekte. Studien deuten darauf hin, dass serielle Kaltreize die Aktivität des Immunsystems und das vegetative Gleichgewicht günstig beeinflussen können.
Sebastian Kneipp hat dieses Prinzip vor über 130 Jahren zu einem System entwickelt, das bis heute wissenschaftlich weiterentwickelt wird. Der Kneippsche Stil ist dabei bewusst mild: kurze, gezielte Reize statt Gewaltkuren – dosiert nach Alter, Konstitution und Trainingszustand. Wer heute vom Eisbaden-Trend fasziniert ist, findet in der Kneippschen Hydrotherapie die alltagstaugliche, ärztlich fundierte Variante desselben Prinzips.
Die wichtigsten Anwendungen
Güsse: Ein weicher, druckarmer Wasserstrahl wird über definierte Körperzonen geführt – vom Knieguss (Klassiker bei müden Beinen und zum Einschlafen) über Arm- und Gesichtsguss bis zum Vollguss. Kalt, warm oder wechselwarm.
Wassertreten: Der berühmte „Storchengang“ durch kaltes Wasser – im Tretbecken, in der Badewanne oder im Bach. Wirkt anregend auf Kreislauf und Venen und abhärtend bei regelmäßiger Anwendung.
Wickel und Auflagen: Feuchte Tücher, kalt oder warm, z. B. der Wadenwickel bei Fieber oder der Leibwickel zur Entspannung – die sanfteste Form der Hydrotherapie, auch für Kinder und Ältere geeignet.
Waschungen und Bäder: Von der kühlen Ganzkörperwaschung bis zum ansteigenden Fußbad bei beginnender Erkältung; Teil- und Vollbäder auch mit Kräuterzusätzen (Verbindung zur Phytotherapie).
Wechselduschen: Die Alltagsform für Eilige – warm beginnen, kalt enden.
Nach heutigen Erkenntnissen ist vor allem der Kältereiz für die medizinische Wirkung der Wasseranwendungen verantwortlich. Die vorgeschalteten Wärmephasen, beispielsweise bei Wechselbädern oder beim Saunabesuch, dienen hauptsächlich der Verstärkung des Kältereizes. Weitere Reize der Hydrotherapie sind Druck des Wasserstrahls, hydrostatischer Druck der Bäder und chemische Reize bei Mineralbädern und Bädern mit Kräuterextrakten. Sie eignet sich hervorragend zur Selbstbehandlung.
Ziel der hydrotherapeutischen Anwendung ist eine gesteigerte Durchblutung der Haut und eine Reizung der Druck- und Mechano-Rezeptoren sowie der sensiblen Afferenzen, der Thermo- und Schmerzrezeptoren mit Folge einer vegetativen Umstimmung und Regulation.
Die verbesserte Durchblutung bewirkt ein warmes und gleichzeitig erfrischendes, wohlig-entspanntes Körpergefühl, das sich nach einem Kaltwasserreiz einstellt. Diese schnelle, akute Wirkung der Hydrotherapie kann zur Linderung vielfältiger Beschwerden eingesetzt werden: Schmerzzustände, Kreislaufschwächen, Durchblutungsstörungen, fiebrige Erkrankungen, Schlafstörungen oder Atemwegsbeschwerden.
Der besondere Stil der Kneippschen Wassertherapie ist die Teilanwendung und die größte Ausnutzung der verschiedenen Temperaturen. Diese Temperaturreize wirken mehrfach:
- Ökonomisierung der Kreislauffunktion
- Eine Gefäßwirkung, die eine verbesserte Durchblutung zur Folge hat
- Eine Stoffwechselwirkung, die den Abtransport von Schlackenstoffen ermöglicht
- Eine entspannende Wirkung auf die Muskelfunktionen
- Eine vegetative Harmonisierung
- Eine unspezifische Immunstimulation (Abhärtung)